Harzburger hof

(Inzwischen Abgerissen)

Fast drängt es sich einem noch immer auf: das Geräusch von teuren Schuhen auf weichen Teppichen und kostbarem Parkett, die Düfte aus der Küche, verhaltener Small-Talk und abendfüllende Gespräche. Ein gewisser Hauch von Überfluss, ein stiller Rückzugsort aus der lauten Welt des öffentlichen Lebens für gestresste Menschen mit hohen Ansprüchen und hohem Kontostand.

Das Luxushotel Harzburger Hof galt zu seiner Blütezeit als Aushängeschild des Harzgebirges. Zahlreiche Prominente und andere Reiche verkehrten dort, abgeschirmt vom Alltag durch eine hübsche Holzfassade und 18.000 Quadratmeter umliegendes Grundstück. Heute jedoch haben der Zahn der Zeit und der Fraß der Flammen all dies zunichte gemacht. Trotzdem entbehrt auch die Ruine dieses einst so prächtigen Gebäudes nicht einer ganz eigenen Faszination.

Im Jahr 1874 wurde das Hotel eröffnet, also fast 20 Jahre bevor die Stadt, in der es steht, selbst den Namen Bad Harzburg annahm. Wir vermuten, dass es im Zuge der Reform der ansässigen Kur- und Badekultur entstand. Wo vorher nur Salz aus Solequellen gewonnen wurde, entstanden ab den 1830er-Jahren neue Badeanstalten, edle Hotels und Kasinos, die die damaligen europäischen Standards unter einem Dach vereinten. Auch der Harzburger Hof verfügte über eine hauseigene Spielhalle mit strengem Dresscode, die nicht nur wohlhabende Gäste, sondern auch Tagestouristen und Bewohner der Stadt in großer Zahl anlockte. Wie prunkvoll das Hotel selbst einst gewesen sein muss, lässt sich sogar in seinem heutigen heruntergekommenen Zustand noch erschließen. Mit Stuck verzierte und bemalte Decken, Goldornamente an  Möbeln, Kronleuchter, Spring-brunnen in der Empfangshalle und Säulen im Außenbereich - es ist sehr wahrscheinlich, dass diese noch erhaltenen Überreste bloß ein trauriger Schatten der originalen Pracht sind.


Umso mehr erscheint es verwunderlich, dass dieses Hotel letztendlich in den Ruin getrieben wurde und 2003 schließlich mit Schulden über etwa fünf Millionen Euro zwangsversteigert werden musste. Wie konnte dieses Schicksal ein derart beliebtes, jahrzehntelang als schönstes Hotel des Harzes erachtetes Luxusobjekt ereilen? Auch wenn wir natürlich nicht die wirklich ausschlaggebenden Gründe wissen, können wir sie uns doch einigermaßen erschließen: Mit der Zeit, besonders in den 1990er-Jahren, ergab sich aus dem recht hohen Alter des Hotels ein zu erwartender Renovierungsbedarf, dem vom Eigentümer jedoch nicht in ausreichendem Maße nachgegangen wurde.

Und nicht nur die Bausubstanz wurde älter, auch die Bevölkerung der Stadt alterte mit ihr. Wer heutzutage in Bad Harzburg unterwegs ist, wird unweigerlich bemerken, dass der Anteil der Anwohner unter 65 Jahren sich auf ein absolutes Minimum beschränkt - es handelt sich also um ein echtes Rentnerparadies, sogar mit Sprachkursen für Senioren und allem drum und dran.


So wurde der Harzburger Hof nach und nach für die, die sich die hohen Preise leisten konnten, immer unattraktiver, denn eine überholte Unterkunft mit Wasserschäden in abgelegener, eher entschleunigter Lage, scheint offenbar nicht für jeden etwas zu sein. Zudem wurde das Hotel während des Zweiten Weltkriegs von der britischen Armee in Beschlag genommen und stand den Soldaten zur Erholung zur Verfügung. Nach Abzug der Alliierten wurde der reguläre Betrieb zwar wieder aufgenommen, das Hotel erlangte seinen vorherigen Ruhm jedoch nie zurück.

Die Hotelleitung scheiterte daran, sich auf eine neue Zielgruppe bestehend aus Wandertouristen umzustellen und verlor deshalb rasant an interessierter und zahlungsfähiger Kundschaft. Es folgte der unausweichliche Ruin, und den Ausschweifungen und Herrlichkeiten alter Tage wurde ein unrühmliches Ende gesetzt.

In den Folgejahren gab es zwar immer wieder mal vereinzelt neue Investoren und Pläne zur Sanierung des Gebäudes, doch das lohnt sich spätestens jetzt nach mehreren Großbränden wohl eindeutig nicht mehr. Schon seit langem fordert die Stadt den endgültigen Abriss der einsturzgefährdeten Brandruine, doch der derzeitige Eigentümer wehrt sich dagegen vehement. Der Streit war sogar vor Gericht. Angeblich soll der Harzburger Hof im August 2017 nun doch dem Erdboden gleichgemacht werden, ob es dazu aber wirklich kommt, ist nicht gewiss, solche Ultimaten wurden nämlich bereits öfter gestellt und dann gekonnt ignoriert (Update 2018: In der Tat kam es zum Abriss, an selber Stelle soll nun ein neues, dem Harzburger Hof nachempfundenes Hotel gebaut werden.). Der amtierende Bürgermeister von Bad Harzburg begründet sein Drängen auf den Abriss in der akuten Lebensgefahr, die in der Ruine für so von ihm bezeichnete "Gruseltouristen" oder Rettungskräfte besteht. Erst 2016 wurden zwei Feuerwehrleute bei einem Großbrand ernsthaft verletzt.

 

Tatsächlich sind die Sorgen des Bügermeisters leider nicht unbegründet. Die Böden des Hotels sind aufgequellt, die Decken teilweise eingestürzt. Die Balkons und die Fassade sind brüchig und haben zum Teil bereits Bekanntschaft mit der Schwerkraft machen dürfen. Jederzeit könnten weitere Teile des Gebäudes ihren Abriss selbst in die Hand nehmen, und wenn das geschieht, sollte lieber keiner direkt in der Flugbahn stehen. Noch dazu würde ein Rettungseinsatz auch die Helfer in Gefahr bringen. Wer also vernünftiger ist als wir, bleibt bei einem Besuch lieber brav hinterm Bauzaun stehen!


Quellen: Hannoversche Allgemeine Zeitung, NDR, regionalGoslar, Nutzer "Bernie60" auf gutefrage.net, Wikipedia (Eintrag zu Bad Harzburg)

Bilder vom: 11.07.2017


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