Lagerhaus am Hafen

(inzwischen überwiegend Abgerissen oder unpassierbar)

Nach einigen erfolglosen Versuchen der Kontaktaufnahme mit Rhenus Logistics und dem Braunschweiger Hafen, versuchen wir nun so weit es uns möglich ist, Hintergrundinformationen zu diesem alten Hafengebäude zu geben.

 

Der Braunschweiger Hafen wurde im Jahr 1934 gebaut, ermöglicht durch die günstige Lage am sich damals noch im Bau befindlichen Mittellandkanals. Die Gemeinde Veltenhof wurde zu diesem Zweck extra an die Stadt angegliedert.

Das Gebäude war, wie Bilder belegen, eines der ersten Bauwerke am neuen Hafenbecken. Im Keller finden sich noch einge Akten, die bis 1937/1938 zurüchgehen. Daraus schließen wir, dass der Betrieb vermutlich Ende 1937 aufgenommen wurde.

Was wir mit ziemlicher Sicherheit wissen, ist, dass das Gebäude ein Lagerhaus der Rhenus Logistics GmbH war. Nicht nur die Akten im Keller, sondern auch die riesigen Aufschriften an der Fassade legen dies nahe. Der Logistikdienstleister feierte seine Gründung im Jahr 1912 und agiert heute weltweit. Einen Sitz in Braunschweig gibt es heute nicht mehr, früher stand allerdings fast der gesamte Hafenbetrieb unter der Leitung des Konzerns.

 

Der zweite Weltkrieg tangierte den Hafen nicht besonders. Der Rest von Braunschweig mag zwar zu fast 90% zerstört wurden sein, der Hafen blieb durch seine Lage am Rande der Stadt aber  weitestgehend unberührt. Für den Notfall waren einige Bunker auf dem gesamten Gelände verteilt.

 


Auch an Umschlagsware mangelte es aufgrund der zahlreich angesiedelten kriegswichtigen Industrien nicht. In diesem besonderen Lagerhaus jedoch wurden wohl eher Getreidelieferungen als Artillerie gelagert. In den bereits erwähnten Akten sind viele Vermerke über Weizen zu finden; es war ein Kornspeicher. Etwas bedenklich erscheinen uns vor diesem Hintergrund allerdings die Lieferscheine für Schwefelkies... Einer der Haupthandelspartner schien Rotterdam zu sein, wo es übrigens auch eine Rhenus-Filiale gab.

 

1961 wurde ein Aufzug in das Gebäude integriert, was vermutlich eine enorme Erleichterung darstellte, da man die sieben Stockwerke, sowie den Keller und das Dachgeschoss von nun an nicht mehr zu Fuß erklimmen musste.

Angesichts der vielleicht doch besonders im Ostflügel etwas zu dünn geratenen Treppen war das für größere Menschenmengen sicherlich eine sinnvolle Investition.

Der Fahrstuhl trennt das Gebäude ungefähr in der Mitte. Östlich davon sind riesige Lagerflächen mit Löchern im Boden, durch die das Getreide in die unteren Stockwerke fallen konnte, im Westen erstreckt sich ein großer Schacht über alle sieben regulären Stockwerke.

Verlassen und dem Verfall übergeben wurde der Kornspeicher vermutlich in den 1980ern, wahrscheinlich 1989 im Zuge des Mauerfalls. Vor diesem erhielt der Braunschweiger Hafen als Grenzhafen nämlich staatliche Subventionen, die nach der Wiedervereinigung, die ihn plötzlich zum einfachen Binnenhafen machten, natürlich wegfielen. Aufgrund dessen wanderten viele der vorher ansässigen Logistikunternehmen ab und der Hafen musste sich zum Dienstleister umstrukturieren, um relevant zu bleiben.

Heute dient das Gebäude nur noch als großer Wildtaubenschlag. Vielleicht wurden die Tiere ursprünglich von einigen Getreideresten angelockt, oder sie wussten einfach nur den Platz im trockenen zu schätzen... jedenfalls ist der ganze Speicher voll von ihnen. Vor allem in den oberen Stockwerken wird dies deutlich, da der Boden dort inzwischen einen neuen, sehr dicken Belag hat, dem man sich bei empfindlichem Geruchssinn lieber nicht nähern sollte. Wahrscheinlich als Vorkehrung gegen die Vögel wurden mehrere scheibenlose Fenster bereits mit Maschendraht abgesichert, doch diese Bemühungen waren eher erfolgslos und senken die Einflugsfrequenz nur sporadisch. Die großen, für Menschen inzwischen nicht mehr ganz ohne Risiko zu erreichenden Dachbodenfenster sind der Haupteingang für die Tauben.

 

Im Jahr 2016 wurde der Kornspeicher zuletzt noch von menschlichen Wesen genutzt, wenn auch nur im Interesse der Kunst. Unter dem klangvollen Namen "The Portal" war er Teil des Braunschweiger Lichtparcours und wurde dafür mit künstlerischen, animierten Interpretationen von Meereswesen bestrahlt. Dazu trug der Writers Ink. e.V. englischsprachige Gedichte vor, die von dem Gebäude inspiriert waren, und ein Chor trat auf. Wir selbst haben das Event leider verpasst, aber wer mehr dazu wissen will, findet auf der Website des Lichtparcours Bilder und weitere Informationen!

Bilder vom 13.03.2017

Quellen: Website der Rhenus Logistics GmbH, Website des Braunschweiger Hafen, Website des Lichtparcours 2016, diverse Funde


Unsere Bewertung: 4

 

(variiert hier basierend auf körperlicher Voraussetzung)  Schwierigkeitsgrad: 2 - 5