Jutespinnerei

Der 1833 in Peine geborene Julius Spiegelberg tätigte schon in jungen Jahren Geschäftsreisen für seinen Vater. Auf einer solchen machte er sich in Schottland mit der dort produzierten Jute vertraut. Rasch keimte in ihm der Wunsch, etwas Ähnliches in der Heimat zu produzieren. Aus diesem Grund errichtete Spiegelberg 1857 in Vechelde eine Flachsbereitungsanstalt, die er dann später mit einer Werggarnspinnerei verband . 1861 wandelte er diese in eine Jutespinnerei um, welche in solcher Form die erste auf dem europäischen Kontinent war, fünf Jahre wurde daraus die Braunschweigische Aktiengesellschaft für Jute- und Flachsindustrie.

1874 entstand eine weitere Spinnerei in Braunschweig, in der vorerst 400 Werkstätige an 2400 Spindeln und 120 Webstühlen tätig  waren. Vorrangig wurden Frauen, aber auch Kinder für die Arbeit eingesetzt. Als diese nicht mehr ausreichten, wurden überregionale Arbeitskräfte herangezogen.

Durch die Belegung der britischen Jute mit Schutzzöllen, konnten die in Braunschweig und Vechelde errichteten Werke sich schnell entwickeln und expandieren. Aus Übersee importierte Fasern wurden verarbeitet und als Verpackungsmaterial und Ausgangsstoff für Teppiche und Matratzen genutzt.


Die Arbeitsbedingungen wurden stetig verbessert - zumindest für damalige Verhältnisse - indem nach und nach Elektrizität, Duscheinrichtungen und Gemeinschaftsräume in denen man Mahlzeiten einnehmen konnte, zur Verfügung gestellt wurden.

 

Wie in vielen anderen Produktionsstätten in Deutschland wurden auch in der Jutespinnerei in Vechelde während des zweiten Weltkriegs jüdische Häftlinge einquartiert, die gezwungen wurden, dort Hinterachsen für Lastkraftfahrzeuge zu bauen. Die Arbeitsbedingungen waren mit einem Schlag plötzlich wieder miserabel, die Arbeiter hatten mit  wenig Schlaf, kaum Nahrung und langen Arbeitszeiten zu kämpfen. In der Spinnerei in Braunschweig jedoch waren keine, oder  zumindest nur wenige Häftlinge tätig.

Herbe Schäden wurden durch die wiederholten Brände verursacht, ausgelöst durch Funkenflug, der beim Verarbeiten des Rohmaterials entstand.

Bei einem der Brände starben zwei Einsatzkräfte. Auch Maßnahmen, die getroffen wurden um die Flammen zurückzuhalten, wie das Errichten zusätzlicher Wände, zeigten nur wenig Erfolg.

Ab 1970 wurde die Produktion von Jute immer weiter eingeschränkt und schließlich nach Mauritius verlagert.

 

Zumindest die Spinnerei in Vechelde fand eine Weiternutzung im Wohnprojekt "Alter Jude". Wenigstens von Außen sind die Backsteingebäude so zum Glück  noch erhalten geblieben.

Die Jutespinnerei in Braunschweig hingegen ist, abgesehen von einem Eingangsportal, inzwischen komplett abgerissen worden. An ihrer Stelle soll jetzt das Baugebiet "Oker Marina" entstehen. Nur die angrenzenden, nun leicht brüchig aussehenden Häuser, von denen man uns erzählte, es handle sich um alte Arbeiterhäuser, erinnern noch an die alten Zeiten zurück und bleiben als stumme Zeitzeugen erhalten.


Bilder vom: 08.07.2017 

Quellen: https://de.wikipedia.org/wiki/KZ-Au%C3%9Fenlager_Vechelde; http://www.jsg-vechel.de/schule-service/unsere-schule/julius-spiegelberg.html; http://www.braunschweig.de/leben/stadtportraet/stadtteile/westl_ringgebiet/; http://www.kappebau.de/wohnen-in-der-jute.html; http://www.verstecktes.de/Spinnerei/spinnerei.html; http://www.braunschweiger-zeitung.de/braunschweig/article150916078/Braunschweigs-letzte-Jute-ist-gerettet.html/Zeitzeugin vo rOrt


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